Mariä Geburt, Altheim

Kirchenführer

Die Altheimer Marienkirche

Ein kleiner Führer

Von Andreas Bronner

Mit der Genehmigung der Veröffentlichung auf diesem Medium gilt unser Dank an die Herausgeber.

 

 

 

Der Altheimer Palmesel

Im Bereich des ersten Neckarknies bei Horb hat sich lediglich in der im Steinachtal gelegenen Ortschaft Altheim ein sogenannter Palmesel erhalten, obwohl am Abend des Mittelalters beinahe jede Pfarrei solch ein Kultbild besaß. Der Altheimer Palmesel steht im Seitenschiff der 1869/70 neu erbauten Marienkirche rechts vom Chorbogen und gilt als besonderes Juwel.

Die im Stil der Spätgotik gearbeitete Palmeselplastik wird auf die Zeit um 1450 datiert. Das 15. Jahrhundert gilt als die hohe Zeit der Palmeselprozessionen, die eingebettet in der Osterliturgie und umrahmt von Palmweihe und Palmsonntagsmesse im 15. Jahrhundert ihre größte Verbreitung fanden.

Am Palmsonntag wird der triumphale Einzug von Jesus in Jerusalem gefeiert, über den im Neuen Testament alle vier Evangelisten berichten (Matthäus 21,1ff, Markus 11,1ff, Lukas 19,28ff und Johannes 12,12ff EU). Der letzte Fastensonntag eröffnet die wichtigste Woche im Kirchenjahr, weshalb die Karwoche auch als Heilige Woche bezeichnet wird.

Der Esel und die Palmzweige haben den Einzug Jesu zu einem symbolträchtigen Ereignis gemacht. Mit dem Ritt auf einem Esel erfüllte sich die Voraussage des Propheten Sacharja aus dem Alten Testament (Sach 9,9 EU), nach der ein gerechter, demütiger König auf einem Esel als Retter in die Heilige Stadt reiten wird.

Für Jerusalems römische Besatzung dürfte der Empfang Jesu mit Palmzweigen und dessen Ritt auf einem Esel einer Provokation gleichgekommen sein. Zum einen galt der Esel im Gegensatz zum Pferd als Sinnbild für die Bescheidenheit und Gewaltlosigkeit des messianischen Friedensfürsten, zum anderen waren die Palmzweige in der Antike ein Symbol der Huldigung und des Sieges.

Zur bleibenden Erinnerung an den Einzug Jesu in Jerusalem führte Papst Gregor der Große, den man ob seiner zahlreichen Anordnungen von äußerlichen Riten und Gebräuchen „Pater Ceremoniarum“ hieß, um das Jahr 600 die Palmeselprozession in die Kirche ein. In den ersten Zeiten der Palmsonntagsumgänge führten meist Geistliche oder Ministranten, auf einem lebenden Esel reitend, die Prozession an. Da sich die Tiere jedoch oft als sehr störrisch erwiesen, begnügte man sich seit dem ausgehenden 12. Jahrhundert mit einer hölzernen Figur, dem Palmesel.

Ein meist aus Lindenholz geschnitzter Salvator saß auf einem gleichfalls aus Holz gearbeiteten Esel, der nach der Palmenweihe unter großer Anteilnahme, auf einem Holzbrett mit vier Rädern stehend, umhergeführt wurde. Die Palmsonntagsprozession blieb selten nur auf kirchlichem Grund und Boden und in Ermangelung von echten Palmzweigen wurden die Palmkätzchenzweige der Salweide sowie grünes Gehölz auf den Prozessionsweg gestreut. Der Altheimer Palmesel wurde zu den Prozessionen besonders geschmückt.

Man drängte sich bei der Prozession gerade dazu, den Palmesel zu ziehen, weil man dadurch die Vergebung der Sünden zu erlangen hoffte. Der Umzug mit dem Palmesel war zugleich ein Hauptfest für die Kinderwelt. Die Kleinen durften auf dem Palmesel reiten und umherherfahren, was als förderlich für ihr Gedeihen galt. Der Palmesel ersetzte als Berührheilstum sozusagen das Kinderkarussell.

Der Brauch der Palmsonntagsprozession fand bald nach Einführung der Reformation zunächst in den protestantisch gewordenen Territorien ein jähes Ende. Obwohl sich Martin Luther selbst gegen die Bilderzertrümmerung verwahrte, wurden im reformatorischen Bildersturm die Palmesel nicht nur zerschlagen, sondern auch profaniert. Es verschwanden in der Karwoche die rollbaren Palmesel sowie die Gekreuzigten mit den einklappbaren Armen und es blieb der einsame Mensch vor seinem barmherzigen, aber fernen Gott.

Für den Augustinerpater und kaiserlichen Hofprediger Abraham a Sancta Clara diente der Palmesel in seinem 1686 erschienenen Hauptwerk „Judas, der Ertz-Schelm“ als Gleichnis für die Heuchelei und Verlogenheit der Hofschranzen: „Du wirst zu Hof sehen/ daß alldort die Redlichkeit/ wie der Palm-Esel/ welcher das Jahr nur einmal ans Liecht kombt.“ Dieser Seitenhieb auf die Höflinge in der Wiener Hofburg bereitete Kaiser Leopold I. ein diebisches Vergnügen.

Die Palmesel, die den Bildersturm überstanden hatten, verbannte schließlich die Aufklärung in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Aus den ursprünglich rein kirchlichen Prozessionen war im Laufe der Zeit ein recht weltliches Treiben geworden, das zur ausgesprochenen Volksbelustigung ausartete. Bei den mit dem Palmsonntag verbundenen Heischegängen wurde oftmals über die Stränge geschlagen. Während der Prozessionen ging es vielerorts recht feuchtfröhlich her, sodass außer dem Heiland und dem Esel niemand nüchtern in die Kirche kam.

Dies alles gab in der Zeit der Aufklärung sowohl der weltlichen als auch der kirchlichen Obrigkeit den Anlass, den Palmeselbrauch zu untersagen. Kaiser Joseph II., der als „Lutheraner auf dem Habsburgerthron“ wegen seiner Reformen ebenso gefeiert wie gehasst wurde, gestattete 1782 in den österreichischen Erblanden nur noch eine Prozession in der Bittwoche vor Christi Himmelfahrt und eine zu Fronleichnam. Außerdem verbot er das Mitführen von Heiligenstatuen bei Prozessionen.

Diese landesherrliche Anordnung wurde von der Bevölkerung nur mit Widerspruch und Hinauszögern hingenommen. Ein Hirtenbrief des Bischofs Maximilian Christoph von Rodt bekräftigte 1790 in der Diözese Konstanz schließlich von Seiten der Kirchenobrigkeit das Ende dieses alten kirchlichen Brauchs: „Es sollen die Passions-Comedien, Herumführung des Palmesels und die Auffahrtsceremonien gänzlich unterbleiben.“

Um das Verbot der Palmeselprozession schlussendlich durchzusetzen, kam es zu regelrechten öffentlichen Hinrichtungen der Esel, die zersägt, zerspaltet und verbrannt wurden. Die meisten dieser althergebrachten Kultbilder wurden so zerstört oder wie der Altheimer Palmesel verstaut und vergessen. Pfarrer Antonius Rebstock, der von 1780 bis 1817 in Altheim amtete, dürfte schützend seine Hand über das spätgotische Kultbild gehalten haben. Weder im Altheimer Orts- noch im Pfarrarchiv fand sich bislang irgendein Hinweis auf seine Existenz.

Das Erscheinungsbild des gut erhaltenen Altheimer Palmesels legt die Vermutung nahe, dass er in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts restauriert und neu gefasst worden ist. Auch diese Restaurierung ist nirgends erwähnt. Für die Erledigung der Restaurierungsarbeiten kommt vermutlich nur Wilhelm Klink, der letzte Vertreter der Horber Bildhauerschule, in Frage.

Klink hat für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs den 1921 in Auftrag gegebenen Kriegergedächtnisaltar geschaffen und bei dieser Gelegenheit wohl dem Altheimer Palmesel zu neuem Glanz verholfen. Der Rock der im Altarschrein knienden Bauersfrau besitzt jedenfalls die gleiche Farbfassung wie die Tunika der Christusfigur auf dem Esel. Bezeichnender Weise wurde der Kriegergedächtnisaltar am Palmsonntag des Jahres 1924 in der Marienkirche eingeweiht.

Bei dem 150 Zentimeter langen, 70 Zentimeter breiten und 200 Zentimeter hohen Altheimer Palmesel handelt es sich um die äußerst qualitätsvolle Plastik eines namenslosen Künstlers. Der Salvator mit markantem Schnurr- und Kinnbart, dem das schwarze Lockenhaar in Ringeln über den Nacken fällt, trägt als Zeichen der königlichen Würde eine goldene Krone. Er sitzt auf dem vorwärtsschreitenden Esel, die rechte Hand zum Segensgestus erhoben und mit der linken Hand den Zügel haltend.

Die Reiterhaltung der Figur wirkt durch das kontrastreiche Verhältnis von sichtbarer Körperform und ausschwingender Draperie der goldverbrämten Tunika besonders stark. Der Altheimer Palmesel ähnelt in gewisser Weise mit seiner Körperhaltung, der Kopfform Christi sowie der Draperie der Tunika jenem Kultbild, das der bekannte Bildhauer Hans Multscher 1464 für das Ulmer Münster geschaffen hat. Auch die massig schwere und kurzbeinig gebildete Eselsfigur, die auf einem niedrigen Fahrgestell mit vier kleinen Holzrädern steht, weist Parallelen zum Ulmer Reittier auf.

Nur noch in wenigen Orten hat sich am Palmsonntag dieser uralte Osterbrauch erhalten. Geblieben ist allerdings der Spott. Das Wort „Palmesel“ wird bis auf den heutigen Tag denen zugedacht, die zu spät kommen. Im Bereich des oberen Neckarknies bei Horb war es früher üblich, den Buben, der nach der Palmsonntagsmesse als Letzter mit seinem Palmen aus der Kirche kam, nachher als Palmesel auszuschimpfen.

 

 

Ein Beitrag von Joachim Lipp